Pf. Łukasz Romańczuk: Welche Rolle spielt der Glaube in Ihrem Leben?
Yvelle Gabriel: Für mich als Künstler spielt er eine sehr wichtige Rolle. Ich war ein Künstler, der bis zu 30 Mitarbeiter beschäftigte, und damals habe ich ein bestimmtes Erlebnis gehabt. Im Jahr 2001 kehrte ich von einer Geschäftsreise zurück. Zu dieser Zeit führte ich ein sehr bewegtes, interessantes Abenteuerleben. Als ich auf dem Bahnhof auf dem Heimweg war, sah ich ein großes Licht. Dieses Licht warf mich zu Boden, ich fiel hin und lag etwa zehn Minuten dort. Dieses Erlebnis führte dazu, dass ich einen neuen Lebensweg einschlug. Es war so stark, dass es unmöglich war, es rückgängig zu machen. Für mich war das eine Bekehrung. Dieses Licht kam vom Himmel. Es war ein Erwachen, um einen Weg zu gehen, der wahr ist. Mein Lebensstil änderte sich vollständig. Ich suchte nach Erklärungen, wie das geschehen konnte. Es war eine wirklich gute Erfahrung – ich lernte meine Frau kennen und wir haben drei Kinder. Für mich war es ein geistliches Erwachen.
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Pf. ŁR Wie sah Ihr Leben nach der Bekehrung aus?
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YG: Zum ersten Mal reiste ich 2010 nach Israel. Es war ein langer Prozess, verbunden mit Gesprächen und Dialogen an vielen Orten. Für mich war es eine Erfahrung aus der Perspektive der säkularen, kirchlichen und politischen Realität. Als christlicher Künstler aus Deutschland arbeitete ich in Israel in einer Synagoge, die sich in einem Krankenhaus befand. Es gab dort viele Säle mit kranken Menschen. Im Inneren des Gebäudes befindet sich eine neue Synagoge in Tel Aviv mit zwei großen Fenstern – jeweils zwölf Meter hoch – für die ich Glasfenster schuf. Eines davon stellte den Toraschrein mit den Torarollen dar. Es war ein Weg von der Genesis über den Exodus, die Chiba bis nach Jerusalem. Ich gründete ein Atelier zwischen Jaffa und Jerusalem. Ich arbeitete mit einem Künstler aus Belgien und einem Christen aus dem Libanon zusammen. Diese Arbeit war für mich eine große Gnade.
Pf. ŁR: Welche weiteren sakralen Werke gehören zu Ihrem Schaffen und welche sind Ihnen besonders wertvoll?
YG: In Israel wurde ein weiteres Projekt von mir realisiert: das Projekt der „Zehn Lichter“ in den größten Katakomben der Welt in Jerusalem. Es handelt sich um zehn große Lichter, die den Übergang von der Dunkelheit zum Licht symbolisieren. Das übernatürliche Erscheinungsbild repräsentiert symbolisch die Aura und das mächtige Sonnenlicht – die Fackel des ewigen Lebens – das in die dunklen Katakomben hinabreicht und sie durchdringt. Nach meiner Arbeit in Israel kehrte ich nach Deutschland zurück und schuf Glasfenster für sechs oder sieben Kirchen. Eine davon ist die Kapelle des heiligen Franziskus von Assisi mit seinem „Sonnengesang“. In Erfurt befindet sich die Kapelle der heiligen Elisabeth. Diese Fenster sind sehr berührend. Ich verwende starke Farben, damit sie berühren wie der Heilige Geist. Derzeit arbeite ich an Fenstern für die Kirche „Maria auf dem Sande“ in Breslau.
Pf. ŁR: Wie entstand die Idee, Glasfenster für die Kirche auf dem Sande zu schaffen?
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YG: Gott weist mir den Weg. Nach meiner Arbeit in Israel blieb eine Spur in meinem Herzen zurück. Auch die Geschichte meiner Familie trägt eine solche Spur. Mein Großvater war ein Nazi – wie fast alle in jener Zeit. Ich trage eine Schuld auf meinen Schultern, nicht nur die meines Großvaters, sondern die Schuld einer ganzen Generation, die den Juden, den Polen und anderen Völkern so viel Leid zugefügt hat. Mein Vater hat sehr darunter gelitten. Diese Wunde trage auch ich in meinem Herzen. Als ich in Israel war, öffnete sich diese Wunde erneut, später war ich auch in Auschwitz mit meinem Freund Pater Manfred Deselaers, einem deutschen katholischen Priester, Seelsorger der Deutschen Bischofskonferenz in Auschwitz seit 35 Jahren. Er ist ein wunderbarer Priester, eine Ikone der Hingabe und ein echtes Vorbild. In dem Bewusstsein dessen, was im Zweiten Weltkrieg geschah, suchte ich nach einem Weg, einen kleinen Beitrag zur Versöhnung zu leisten. 2014 schuf der deutsche Künstler Imi Knöbel drei Glasfenster in der Kathedrale von Reims, die zum Symbol der deutsch-französischen Versöhnung wurden. Davon hörte ich und hatte die Vision, dass solche Fenster auch in Polen entstehen sollten. Was die Polen im Krieg durch meine Landsleute erlitten haben, ist unbeschreiblich. Deshalb wurde es mir wichtig, diese Vision in Ihrem Land zu verwirklichen. Im Mai 2021 reiste ich für drei Wochen durch Polen – über Gnesen, Warschau und Oppeln – und kam schließlich nach Breslau, wo ich in einem Hotel gegenüber der Kirche Maria auf dem Sande übernachtete. Von einem Turm des Hotels aus blickte ich auf die Kirche und wusste sofort: Das ist der Ort. Als ich hinausging und das Denkmal von Kardinal Kominek mit der Taube sah, passte alles vollkommen.
Pf. ŁR: Welche Schritte haben Sie unternommen, um diese Vision zu verwirklichen?
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YG: In den letzten fünf Jahren habe ich viele Orte besucht und mit vielen Menschen gesprochen. Zunächst rief ich in der Erzdiözese Breslau an und wurde an Herrn Generalvikar Pf. Jacek Froniewski weitergeleitet. Er war mir sehr wohlgesonnen, half mir sehr und da er ausgezeichnet Deutsch spricht, verstanden wir uns gut. Dank ihm konnte ich Kontakt mit Erzbischof Józef Kupny aufnehmen, der die Vision positiv aufnahm. Unterstützung kam auch von Wojciech Kucharski vom Zentrum „Zajezdnia“ und Marek Mutor, dem Direktor des Ossolineums. Ihnen gefiel mein Projekt. 2022 organisierten wir in Breslau die Werkstatt „Deutsch-Polnisches Fenster der Vergebung und des Friedens“. Teilnehmer waren Vertreter aus Polen und Deutschland, unter anderem Dietmar Nietan, Koordinator der deutsch-polnischen Zusammenarbeit, Pf. Manfred Deselaers, Dr. Wojciech Kucharski und Dr. habil. Robert Żurek sowie Vertreter der Stadtverwaltung Breslau. Er konnte damals nicht bei uns sein, aber dem Werk steht Bischof Peter Kohlgraf, Vorsitzender von Pax Christi und Bischof von Mainz, sehr wohlwollend gegenüber. Nach diesem Treffen fand sich eine Berliner Stiftung, die die Finanzierung der Glasfenster übernahm, doch wir suchen weiterhin nach Mitteln zur Umsetzung des Projekts „Fenster der Versöhnung“. Wir beschlossen bewusst, dass das Projekt ausschließlich aus deutschen Mitteln finanziert wird. Das war nicht so einfach wie im Fall Frankreichs, da die deutsch-französischen Beziehungen anders sind als die deutsch-polnischen. Als Jugendlicher war es selbstverständlich, Austauschprogramme mit Frankreich zu haben – nach Polen konnten wir wegen der politischen Situation nicht reisen. Deshalb ist der Weg der Versöhnung hier viel länger.
Pf. ŁR: Wussten Sie bei der Wahl der Kirche, dass das Denkmal Kardinal Kominek auf den Brief der polnischen Bischöfe an die deutschen Bischöfe verweist?
YG: Damals wusste ich das noch nicht. Als ich mit Dr. Wojciech Kucharski sprach, erfuhr ich, dass er darüber ein umfangreiches Buch geschrieben hat. Da wurde mir klar, dass der Ort für die Glasfenster vom Heiligen Geist selbst ausgewählt worden war.
Pf. ŁR:: Wie verstehen Sie heute die Worte „Wir vergeben und bitten um Vergebung“?
YG: Der Brief der polnischen Bischöfe ist einzigartig und unvergleichlich. Es ist kaum vorstellbar, dass ein solcher Brief aus Polen kam und nicht aus Deutschland. So viele Ihrer Landsleute wurden ermordet, so viele Priester getötet. Das ist unglaublich und zugleich ein wunderschönes Zeugnis. Solche Worte hätten aus Deutschland kommen müssen. Die Antwort der deutschen Bischöfe war aus meiner Sicht – als Deutscher – zu zurückhaltend. Sie hätte tiefer, stärker und herzlicher sein sollen. Das hängt wohl mit der deutschen Mentalität zusammen: Wir sind sehr sachlich und zeigen unsere Herzlichkeit nicht leicht. Leider fehlt uns oft diese Fähigkeit. Umso mehr erlebe ich in Polen eine große Herzlichkeit – auch wenn ich kein Polnisch spreche.
Pf. ŁR:: Hat die Botschaft Ihrer Meinung nach Früchte in den deutsch-polnischen Beziehungen getragen?
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YG: Nach dem Krieg gab es viele Versöhnungsversuche und Bewegungen, die aus dem Evangelium und dem Wunsch nach Frieden entstanden. Es kann keinen Frieden ohne gegenseitiges Verstehen geben. Als deutsche Nation müssen wir uns für Polen stärker öffnen und seine Geschichte besser verstehen. Das darf nicht nur auf politischer Ebene geschehen, sondern auf der Ebene des Herzens. Unsere Beziehungen gleichen einem Ei-Tanz: Ein Ei kann nicht stillstehen, es kippt immer wieder in die eine oder andere Richtung. So ist es auch zwischen Polen und Deutschen – mal ist es besser, mal schlechter. Und wenn es besser wird, geschieht oft etwas, das alles wieder zerstört. Deshalb brauchen wir in Deutschland ein stärkeres Bewusstsein für die Geschichte Polens.
Pf. ŁR: Welche theologischen und historischen Aspekte spiegeln sich besonders im Glasfensterprojekt wider?
YG: Im großen Triptychon verbinden sich die Farben der polnischen und deutschen Flaggen: Schwarz, Rot und Gold verschmelzen mit Rot und Weiß. Im Glasfenster gibt es einen Raum, den man als Wüste bezeichnen kann. In ihrer Mitte befindet sich der Text des Briefes der polnischen Bischöfe. Im zweiten Fenster erscheint die deutsche Antwort. Der untere Bereich ist noch dicht und dunkel – dort fehlt noch das göttliche Licht. Es ist Traurigkeit, ein unvollendetes Katharsis, das zur Entzündung des Feuers des Heiligen Geistes führt. Wir befinden uns in einem Prozess. Das Licht erscheint wie eine Taube – ein Licht der Versöhnung. Es ist kein vollkommenes Licht, sondern eines, das den Weg weist. Auch ohne historisches Wissen kann der Betrachter erkennen: Hier geht es um Befreiung, Reinigung und den Beginn eines Wandlungsprozesses. Ich möchte noch hinzufügen, dass der Text des polnischen Briefes, der sich auf dem Glasfenster befinden wird, von der polnischen Künstlerin Magdalena Kowalewska ausgeführt wird.
Pf. ŁR: Wie erinnern Sie sich an Ihre Begegnung mit Papst Leo XIV. und die Übergabe eines Glasfensters?
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YG: Wir waren in einer deutsch-polnischen Gruppe, darunter die polnische und die neue deutsche Botschaft beim Heiligen Stuhl sowie Vertreter des Bundestages und des polnischen Ministeriums. Kurz zuvor erfuhr ich, dass ich dem Heiligen Vater ein Glasfenster überreichen dürfe. Ich war völlig überrascht und fragte im Herzen: „Heiliger Geist, was soll ich jetzt sagen?“ An diesem Tag schien die Sonne, sodass das Fenster in wunderschönen Farben leuchtete. Ich hielt es gegen das Licht, erklärte die Symbolik und betonte, dass es aus Breslau stammt und ein Zeichen der Versöhnung ist. Der Papst hörte aufmerksam zu, betrachtete das Licht, dankte mir und ging weiter, jedem die Hand reichend. Solche Momente sind einzigartig – sie erfüllen einen mit Dankbarkeit und Freude.
Pf. ŁR:: Was ist der Zweck Ihres aktuellen Aufenthalts in Polen?
YG: Erstens suche ich Kontakte zur Stärkung der deutsch-polnischen Versöhnung und zur Unterstützung des Glasfensterprojekts – besonders angesichts des politischen Wandels in Deutschland. Ich habe Empfehlungsschreiben erhalten, die ich nach Deutschland mitnehmen werde. Zweitens "Typometamorphosis" ich für das Ossolineum: Auf Leinwand male ich Werke, die mit Nikolaus Kopernikus und Angelus Silesius verbunden sind.
